|
Ich
sollte es eigentlich besser wissen: Die innere Stimme, dass
was nicht stimmt, war da. Aber ich habe einmal mehr nicht
darauf gehört. "Ach was, da ist bestimmt nichts.",
"Du kannst doch jetzt nicht nur wegen eines blöden
Gefühls den Kunden gleich abweisen." - Und jetzt?
Muss ich gerichtlich meinem Honorar hinterherlaufen.
Die
Wahrscheinlichkeit, dass Sie schon mal ein komisches Gefühl
bei einem neuen Auftrag - oder generell in einer Kundenbeziehung
- hatten, ist recht hoch. Vielleicht reagieren Sie mitunter
so wie ich in diesem Fall, ignorieren das Alarmglöckchen
und überzeugen sich innerlich, dass das bestimmt nichts
zu bedeuten hat - nur um sich im Nachhinein an die Stirn
zu hauen: "Ich hab's noch geahnt ...!"
Nicht
ganz koscher
Es gibt
Vorkommnisse, die ein ungutes Gefühl auslösen,
zum Beispiel wenn ständig Anfragen gemacht werden,
aber es nie zu einem Auftrag kommt. Wenn jemand in seiner
Geschäftskorrespondenz niemals irgendwo persönliche
Kontaktdaten hinterlässt. Wenn Sie immer hinterherlaufen
müssen und sich ein Kunde nie von sich aus zurückmeldet.
Und natürlich erst recht, wenn Zahlungen verzögert
oder Sie sogar angelogen werden ("ist schon überwiesen",
"der Scheck ist in der Post").
Ich
hatte auch schon den Fall, dass mich jemand bat, ein Pseudoangebot
abzugeben, das höher sei als das von jemand anderem,
damit er firmenintern begründen könne, einem Bekannten
den Auftrag zu geben, da dieser ja günstiger sei. Das
Ganze mit Hinweis darauf, dass ich dann ja künftig
mal einen Auftrag bekommen würde.
Gleich
kommen wir noch darauf zu sprechen, wie wichtig es ist,
ein komisches Gefühl näher zu ergründen.
Wichtig ist es aber auch, dass Sie für sich selbst
ganz klare Richtlinien haben, was Ihr eigenes Verhalten
angeht, beispielsweise nicht irgendwelche Fake-Angebote
abzugeben. Es ist immer sehr hilfreich, eine klare Linie
zu haben, was für einen selbst okay ist und was nicht.
Selbstverständlich sollte dieser Verhaltenskodex dann
immer gelten und nicht zum eigenen Vorteil übergangen
werden.
Die
Karotte als Verhandlungshebel
Die
inneren Alarmsysteme machen sich oft sehr schnell bemerkbar,
wenn man mit Versprechungen hingehalten wird:
- ein
erheblicher Preisnachlass wird im Hinblick auf künftige
lukrative Aufträge verlangt,
- ein
ausführliches Konzept soll die Fachkompetenz beweisen
(dient aber dem potenziellen Auftraggeber als Anleitung,
es in Eigenregie umzusetzen),
- eine
kostenfreie Arbeitsprobe oder ein sehr günstiges Projekt
soll geleistet werden, um einen Fuß in die Türe
zu bekommen.
Manchmal
werden solche Verhandlungshebel immer wieder benutzt, und
als Selbstständiger kommt man sich relativ schnell
ausgenutzt vor, spielt aber trotzdem weiter mit, weil man
denkt, es muss sich doch mal lohnen.
Bitte
verstehen Sie mich richtig: Es ist nichts gegen ein Agreement
dieser Art zu sagen, sofern es für beide Seiten in
einem guten Rahmen passiert. Fühlen Sie sich wohl damit,
erstmal kostenfrei oder zu einem niedrigen Sonderpreis in
Vorleistung zu gehen, um sich zu beweisen, ist alles in
Ordnung. Auch dann sollten Sie jedoch vorab klar abstecken,
wo die Grenzen sind.
Fühlen
Sie sich jedoch damit alles andere als wohl oder merken
Sie, dass Sie zum wiederholten Mal so eine Karotte vor die
Nase gehalten bekommen, dann ist es an Ihnen, eine Grenze
zu ziehen.
Persönliches
Gefühl
Ein
ungutes Gefühl entsteht nicht nur, wenn etwas nicht
ganz koscher erscheint. Manchmal stimmt die Chemie nicht:
Der Anfragende ist einem nicht sympathisch, benimmt sich
gönnerhaft oder lässt sich alles unangenehm aus
der Nase ziehen - zeigt also ein Verhalten, das Ihnen nicht
gefällt.
Es ist
zu kurz gegriffen zu glauben, dass ein Auftrag eben eine
rein professionelle Transaktion ist. Bei jeder Geschäftsbeziehung
spielt die persönliche Ebene eine große Rolle.
Darum ist idealerweise ein gewisser Sympathiefaktor da,
zumindest aber ein respektvoll-"neutraler" Grundton.
Stellen
sich Ihnen die Nackenhaare auf, weil Ihnen ein potenzieller
Kunde so gar nicht sympathisch ist oder sich vielleicht
sogar auf eine ungute Weise Ihnen gegenüber verhält,
dann gehen Sie bitte auch darüber nicht einfach hinweg.
Sie werden unweigerlich persönliche Berührungspunkte
haben, und so erfreulich ein Auftrag sein mag, so leidet
die Lebensqualität doch enorm darunter, wenn man sich
mit einem Kunden nicht wohlfühlt.
(siehe
auch: "Potenzielle
Kunden abklopfen")
Dem
komischen Gefühl auf der Spur
Ein
seltsames Gefühl kommt also nicht von ungefähr.
Darum ist es immer gut, sich in solchen Momenten ernst zu
nehmen und zu ergründen, woher dieses Gefühl kommt.
Anstatt, wie im Eingangsbeispiel beschrieben, einfach darüber
hinwegzugehen, hätte ich hinterfragen sollen: Was ist
da los? Warum habe ich ausgerechnet bei dieser Person ein
Bauchgrummeln? Häufig kann man sehr gut ableiten, was
einem nicht behagt.
Lässt
sich dadurch vermeiden, auch mal einen Griff ins Klo zu
machen? Leider nicht. Aber Sie können das Risiko minimieren.
Sofern Sie sich damit konfrontieren, was das komische Gefühl
auslöst, können Sie sehr viel klarer entscheiden,
ob Sie von einem Auftrag tatsächlich Abstand nehmen
möchten. Sie können mehr Vorsichtsmaßnahmen
treffen, als Sie vielleicht sonst tun (z. B. schriftliche
Vorabvereinbarungen treffen, auf Vorkasse arbeiten, erst
mal ein kleineres Teilprojekt annehmen und sehen wie es
läuft ...). Oder aber Sie sprechen das komisches Gefühl
einfach bei der betreffenden Person an.
|