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Positive Vorurteile
  von Gitte Härter
 

Ich liebe die Schweizer. Sie sind immer nett und höflich. Verstehen Sie mich richtig: Ganz bestimmt gibt es auch Schweizer, die alles andere als nett sind. Aber in meinem Erfahrungsschatz ist die positive Pauschalaussage "Schweizer = nette Leute, stets freundlich und höflich" abgespeichert.

Vorurteile sind gemeinhin verpönt. Pauschalurteile gelten als Quatsch - nur die differenzierte Sicht bringt weiter. Alles richtig. Doch lassen Sie uns die positiven Vorurteile mal näher beleuchten. Über die spricht man nämlich so gut wie nie. Dabei sind sie hochinteressant!

 

Sich selbst beobachten

Jeder von uns hat Vorurteile. Beobachten Sie sich mal im Alltag. Trauen Sie sich an Ihre eigenen Vorurteile ran. Und achten Sie hier einmal gezielt auf die positiven:

- Die neue Kollegin, die ähnlich aussieht wie eine Schulfreundin und die Sie auf den ersten Blick gemocht haben - und wie sich das auf Ihre Befindlichkeit und Ihren Umgang mit ihr auswirkt.

- Der Lieferant, der Ihnen von Ihrem Bruder empfohlen wurde und für den Sie automatisch gleich mit die Hand ins Feuer legen - denn auf Ihren Bruder können Sie sich total verlassen.

- Ihr Faible für Amerika, das Sie allen englischsprachigen Leuten gegenüber gleich viel aufgeschlossener sein lässt.

- Die offenere Haltung männlichen Kollegen gegenüber, wenn Sie der festen Auffassung sind, mit Männern viel besser zusammenarbeiten zu können als mit Frauen.

Es lohnt sich, sich dieser Muster bewusst zu werden - und dadurch auch überprüfen zu können: Welche Art von "Vorurteilen" habe ich und wie wirken sich diese auf meine Einstellung und mein Verhalten aus?

 

Positive Vorurteile aktiv nutzen

Ich glaube an das Gute im Menschen. Das ist meine Überzeugung - und natürlich ist es auch ein positives "Vorurteil", weil ich damit grundsätzlich meinem Gegenüber erstmal einen Vertrauensvorschuss gebe.

Bin ich deswegen naiv? Nein. Mir ist sehr wohl bewusst, dass nicht nur Engelchen da draußen herumlaufen. Und dennoch behalte ich mir diese Grundüberzeugung bei. Und bekomme sie auch immer wieder bestätigt. Denn auf den einen oder anderen, der diesen Vertrauensvorschuss missbraucht, kommen sehr, sehr viel mehr Leute, die bestätigen, dass es gerechtfertigt ist, ihnen zu vertrauen.

Wenn wir also von positiven Vorurteilen sprechen und davon, wie Sie diese nutzen können, so geht es nicht darum, die eigenen Vorstellungen blind für bare Münze zu nehmen. Sie kennen das auch von den negativen Vorurteilen: Männer können nicht kommunizieren - Frauen können nicht Auto fahren, - alle Studierten glauben, sie sind was Besseres. Stimmt das so? Natürlich nicht. Und dennoch gibt es natürlich tatsächlich Männer, die nicht kommunizieren können - es gibt Frauen, die nicht gut Auto fahren und es gibt Akademiker, die sich für was Besseres halten. Sind das die meisten? Sicher nicht.

Mit den positiven Vorurteilen verhält es sich genauso. Nur dass diese Ihnen dabei helfen, offener auf andere zuzugehen - im Gegensatz zu den negativen Vorurteilen, die Sie behindern und schlimmstenfalls eine Front schaffen.

 

Ist das Positive vielleicht negativ?

Natürlich gibt es zu den positiven Vorurteilen oft auch die Kehrseite. Eine Überzeugung wie "Nur mit Männern kann ich gut zusammenarbeiten." ist ja nichts anderes als die positive Formulierung von "Mit Frauen kann ich nicht zusammenarbeiten."

Zwei Beispiele:
Eine Freiberuflerin klagt mir am Telefon ihr Leid, dass sie beruflich immer wieder in die Bredouille komme, weil andere Frauen mit ihr irgendein Problem haben. Sie komme einfach am besten mit Männern zurecht. Beim persönlichen Termin empfängt mich eine sehr verschlossene Frau, die im Gespräch richtiggehend feindselig wirkt.

Durch den Grundsatz "Ich komme nur mit Männern gut zurecht" war ihr der Blick darauf, wie sie sich Frauen gegenüber verhielt, komplett verstellt. Wie bei der Henne und dem Ei, ist es nicht relevant oder hilfreich zu diskutieren, wer zuerst da war: negative Erfahrungen mit Frauen oder ihr eigenes ablehnendes Verhalten. Tatsache war einfach, dass sie es Frauen mehr als schwer machte, mit ihr klarzukommen.

Überprüfen Sie also Ihre positiven Vorurteile daraufhin, ob diese eine Kehrseite haben und setzen Sie sich auch damit auseinander.

Ein weiteres schönes Beispiel für Fallstricke bei positiven Vorurteilen gibt es bei Bewerbungen. Ungeübte Personalentscheider lassen sich leicht von eigenen Vorstellungen in eine bestimmte Richtung leiten, beispielsweise: "Wer ein Fernstudium nebenbei durchzieht, ist super diszipliniert und sehr organisiert" oder "Wer eine Teamsportart ausübt, ist automatisch kommunikativ und ein guter Teamplayer". Gute Personaler werden solche Überlegungen als Anhaltspunkte nehmen, aber im Gespräch genauer hinterfragen.


Und genau so sollten Sie es auch machen: Werden Sie sich Ihrer positiven und negativen Vorurteile bewusst und beobachten Sie sich einfach einmal selbst. Denn diese verankerten Überzeugungen beeinflussen maßgeblich Ihr Verhalten.

   
   
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