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Ich
liebe die Schweizer. Sie sind immer nett und höflich.
Verstehen Sie mich richtig: Ganz bestimmt gibt es auch Schweizer,
die alles andere als nett sind. Aber in meinem Erfahrungsschatz
ist die positive Pauschalaussage "Schweizer = nette
Leute, stets freundlich und höflich" abgespeichert.
Vorurteile
sind gemeinhin verpönt. Pauschalurteile gelten als
Quatsch - nur die differenzierte Sicht bringt weiter. Alles
richtig. Doch lassen Sie uns die positiven Vorurteile mal
näher beleuchten. Über die spricht man nämlich
so gut wie nie. Dabei sind sie hochinteressant!
Sich
selbst beobachten
Jeder
von uns hat Vorurteile. Beobachten Sie sich mal im Alltag.
Trauen Sie sich an Ihre eigenen Vorurteile ran. Und achten
Sie hier einmal gezielt auf die positiven:
- Die
neue Kollegin, die ähnlich aussieht wie eine Schulfreundin
und die Sie auf den ersten Blick gemocht haben - und wie
sich das auf Ihre Befindlichkeit und Ihren Umgang mit ihr
auswirkt.
- Der
Lieferant, der Ihnen von Ihrem Bruder empfohlen wurde und
für den Sie automatisch gleich mit die Hand ins Feuer
legen - denn auf Ihren Bruder können Sie sich total
verlassen.
- Ihr
Faible für Amerika, das Sie allen englischsprachigen
Leuten gegenüber gleich viel aufgeschlossener sein
lässt.
- Die
offenere Haltung männlichen Kollegen gegenüber,
wenn Sie der festen Auffassung sind, mit Männern viel
besser zusammenarbeiten zu können als mit Frauen.
Es lohnt
sich, sich dieser Muster bewusst zu werden - und dadurch
auch überprüfen zu können: Welche Art von
"Vorurteilen" habe ich und wie wirken sich diese
auf meine Einstellung und mein Verhalten aus?
Positive
Vorurteile aktiv nutzen
Ich
glaube an das Gute im Menschen. Das ist meine Überzeugung
- und natürlich ist es auch ein positives "Vorurteil",
weil ich damit grundsätzlich meinem Gegenüber
erstmal einen Vertrauensvorschuss gebe.
Bin
ich deswegen naiv? Nein. Mir ist sehr wohl bewusst, dass
nicht nur Engelchen da draußen herumlaufen. Und dennoch
behalte ich mir diese Grundüberzeugung bei. Und bekomme
sie auch immer wieder bestätigt. Denn auf den einen
oder anderen, der diesen Vertrauensvorschuss missbraucht,
kommen sehr, sehr viel mehr Leute, die bestätigen,
dass es gerechtfertigt ist, ihnen zu vertrauen.
Wenn
wir also von positiven Vorurteilen sprechen und davon, wie
Sie diese nutzen können, so geht es nicht darum, die
eigenen Vorstellungen blind für bare Münze zu
nehmen. Sie kennen das auch von den negativen Vorurteilen:
Männer können nicht kommunizieren - Frauen können
nicht Auto fahren, - alle Studierten glauben, sie sind was
Besseres. Stimmt das so? Natürlich nicht. Und dennoch
gibt es natürlich tatsächlich Männer, die
nicht kommunizieren können - es gibt Frauen, die nicht
gut Auto fahren und es gibt Akademiker, die sich für
was Besseres halten. Sind das die meisten? Sicher nicht.
Mit
den positiven Vorurteilen verhält es sich genauso.
Nur dass diese Ihnen dabei helfen, offener auf andere zuzugehen
- im Gegensatz zu den negativen Vorurteilen, die Sie behindern
und schlimmstenfalls eine Front schaffen.
Ist
das Positive vielleicht negativ?
Natürlich
gibt es zu den positiven Vorurteilen oft auch die Kehrseite.
Eine Überzeugung wie "Nur mit Männern kann
ich gut zusammenarbeiten." ist ja nichts anderes als
die positive Formulierung von "Mit Frauen kann ich
nicht zusammenarbeiten."
Zwei
Beispiele:
Eine Freiberuflerin klagt mir am Telefon ihr Leid, dass
sie beruflich immer wieder in die Bredouille komme, weil
andere Frauen mit ihr irgendein Problem haben. Sie komme
einfach am besten mit Männern zurecht. Beim persönlichen
Termin empfängt mich eine sehr verschlossene Frau,
die im Gespräch richtiggehend feindselig wirkt.
Durch
den Grundsatz "Ich komme nur mit Männern gut zurecht"
war ihr der Blick darauf, wie sie sich Frauen gegenüber
verhielt, komplett verstellt. Wie bei der Henne und dem
Ei, ist es nicht relevant oder hilfreich zu diskutieren,
wer zuerst da war: negative Erfahrungen mit Frauen oder
ihr eigenes ablehnendes Verhalten. Tatsache war einfach,
dass sie es Frauen mehr als schwer machte, mit ihr klarzukommen.
Überprüfen
Sie also Ihre positiven Vorurteile daraufhin, ob diese eine
Kehrseite haben und setzen Sie sich auch damit auseinander.
Ein
weiteres schönes Beispiel für Fallstricke bei
positiven Vorurteilen gibt es bei Bewerbungen. Ungeübte
Personalentscheider lassen sich leicht von eigenen Vorstellungen
in eine bestimmte Richtung leiten, beispielsweise: "Wer
ein Fernstudium nebenbei durchzieht, ist super diszipliniert
und sehr organisiert" oder "Wer eine Teamsportart
ausübt, ist automatisch kommunikativ und ein guter
Teamplayer". Gute Personaler werden solche Überlegungen
als Anhaltspunkte nehmen, aber im Gespräch genauer
hinterfragen.
Und genau so sollten Sie es auch machen: Werden Sie sich
Ihrer positiven und negativen Vorurteile bewusst und beobachten
Sie sich einfach einmal selbst. Denn diese verankerten Überzeugungen
beeinflussen maßgeblich Ihr Verhalten.
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