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Kritik: Eine gesunde Einstellung ist hilfreich
  von Christine Öttl
 

Obwohl seit vielen Jahren immer wieder die Rede ist von "konstruktiver Kritik", löst allein das Wort oder der Gedanke an Kritik sehr unangenehme Gefühle und Reaktionen in den meisten Leuten aus - und zwar sowohl, was das Annehmen als auch das Aussprechen von negativem Feedback anbelangt. Das scheint daran zu liegen, dass der Begriff Kritik fast ausschließlich negativ besetzt ist. Und das ist schade, denn dadurch macht man sich das Leben schwerer als leichter.
Viel besser und konstruktiver ist es, sich eine gesunde Einstellung zu Kritik zu erarbeiten.

Kritik und negative Äußerungen scheinen zum Leben und zum Arbeitsleben dazuzugehören: Wohl jeder hat einschlägige Erfahrungen damit - und zwar in beide Richtungen, als "Opfer" genauso wie als "Täter". Jeder ist schon kritisiert und geschimpft worden und jeder hat selbst kritisiert und geschimpft - und sich dabei mal mehr oder weniger im Ton vergriffen.

Eine gesunde Einstellung zu Kritik ist die Grundlage dafür, um konstruktiv damit umgehen zu können - sowohl aktiv als auch passiv.


Und hier ein paar Gedanken dazu, wie diese gesunde Einstellung aussehen kann.


realistisch denken: Kritik wird passieren

Ich kenne einige Leute, die sinngemäß folgendes sagen: "Kritik ist schlecht und tut weh. Die anderen sollten mich nicht kritisieren. Ich möchte, dass mich nie wieder jemand kritisiert - oder wenn schon, dann ganz freundlich!" oder: "Die anderen sollen einfach ihre Sachen richtig machen. Ich will nicht jemandem sagen müssen, dass etwas schief läuft und wie es sein sollte!"
Vielleicht ist Ihnen, während Sie diese Sätze gelesen haben, durch den Kopf geschossen: "Das ist ja Wunschdenken!" Richtig, wer so denkt, ist einfach nicht realistisch - und wird früher oder später schmerzhaft von der Realität eingeholt. Denn Kritik bzw. die Notwendigkeit, einem anderen Menschen mal was nicht so Angenehmes mitzuteilen, wird kommen.

Damit Sie mich nicht missverstehen: Es geht hier nicht darum, den Teufel an die Wand zu malen. Es geht nur darum, dass Sie Ihre Vorbehalte gegen und Ängste vor Kritik abbauen - und durch eine offenere und konstruktivere Einstellung ersetzen. Denn dann können Sie viel lockerer und souveräner mit dem Thema umgehen.

 

konstruktiv denken: Kritik ist immer eine Chance!

Bitte lassen Sie sich nicht dadurch abschrecken, dass der Begriff "Chance" mittlerweile so abgegriffen und floskelhaft ist. Ich meine es wirklich ernst. Kritik bietet immer die Möglichkeit, dazuzulernen, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Hier ein paar Beispiele, was ich mit Chance und Lernmöglichkeiten meine:


- inhaltlich/von der Sache her besser werden

Sie haben tatsächlich einen Fehler gemacht oder sind im Unrecht, haben einen bestimmten Aspekt nicht beachtet, etwas Grundlegendes nicht gewusst, sich in eine Richtung verrannt, etwas Wichtiges übersehen oder nicht berücksichtigt ...
Es wäre doch schade, wenn Sie sich diese Chance entgehen lassen würden, weil Sie bei kritischen Tönen entweder gleich die Stacheln ausfahren oder sich in Ihr Schneckenhaus zurückziehen, oder? Wenn Sie von dem Gedanken ausgehen, dass Kritik ein Wegweiser ist, um Sie voranzubringen, dann wird es Ihnen viel leichter fallen, die Botschaft aufzunehmen und daraus zu lernen, - bzw. einem anderen Menschen etwas nicht so Angenehmes mitzuteilen.

 

- emotionale und soziale Kompetenz verbessern

Ja: Oft macht es einem der Absender der kritischen Worte schwer, den "konstruktiven Kern" in der Kritik wahrzunehmen - sei es durch aggressiven Tonfall, ungeschickte und beleidigende Wortwahl, vielsagende Blicke oder gar eine Attacke auf die eigene Persönlichkeit ("Immer machst du das so.../Sie sind einfach ein Typ, der...!") usw. Auch Kritik zu üben, ist ganz schön schwierig, wenn der Gesprächspartner gar nicht konstruktiv darauf reagiert.
Und genau hierin liegen die Lernmöglichkeiten: Sie können lernen, in solchen Situationen die Ruhe zu bewahren, auf Ihr Gegenüber einzugehen und sich nicht provozieren zu lassen.

 

- Selbstbewusstsein steigern

In schwierigen und kritischen Situationen nicht die Balance zu verlieren und sich nicht den Emotionen auszuliefern, sondern das Heft in der Hand zu behalten und souverän zu bleiben: Kaum etwas ist besser für das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein. Wenn Sie Kritik als Bewährungsprobe und als Chance zum Dazulernen in Richtung Souveränität interpretieren - anstatt als etwas Bedrohliches und Niederschmetterndes, dann kann Sie nichts mehr so leicht umhauen.

 

- Missverständnisse/unterschwellige Konflikte klären

Gerade wenn Kritik sehr massiv oder aggressiv geäußert wird, steckt oft etwas ganz anderes dahinter - vor allem dann, wenn es sich um eine "Lappalie" handelt. Um das, worum es eigentlich geht, aufzuspüren und dann auch ausräumen zu können, müssen Sie sich auf einen Dialog einlassen. Und das fällt viel leichter, wenn Sie der Kritik in Ihrem Kopf den Schrecken nehmen.

 

- über den Tellerrand hinaus denken: für den, der Kritik äußert, ist diese IMMER berechtigt

Viele Leute sagen: Ich habe nur Probleme mit ungerechtfertigter und nicht berechtigter Kritik. Das bedeutet in der Regel, dass sie entweder zurückschlagen oder sich einigeln, wenn sie mit "unberechtigter" Kritik konfrontiert werden. Und schon geht es ihnen schlecht, fühlen sie sich unfair behandelt oder als Opfer - und leiden die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Bestimmt haben Sie schon mal Leuten negative oder unangenehme Dinge gesagt und Kritik an jemandem geübt. Bitte überlegen Sie: Haben Sie jemals Kritik geübt, die aus Ihrer Sicht unberechtigt war? Wohl kaum. Das gilt natürlich auch für andere Leute: Wenn jemand Sie kritisiert, dann ist das aus dessen Sicht sehr wohl berechtigt. Ja: Sie sehen die Sache vielleicht ganz anders, vielleicht haben Sie auch überhaupt nichts damit zu tun oder vielleicht handelt es sich um ein Missverständnis. All das können Sie am allerbesten herausfinden und klären, wenn Sie in der Situation ruhig bleiben und der Sache auf den Grund gehen.
Deshalb ist es sehr hilfreich, sich immer wieder vor Augen zu rufen: Aus der Sicht des Anderen ist seine Kritik immer berechtigt.

 

Wenn Sie kritisches und negatives Feedback als etwas sehen lernen, was einfach zum Leben dazugehört und wovon Sie immer auf die eine oder andere Art profitieren können, dann verlieren selbst äußerst unangenehme Szenen ihren Schrecken. Und das hilft Ihnen enorm weiter - sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben.

   
   
   
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